National Ugly Mugs: Das wichtigste Sicherheitstool in Großbritannien
Wer in Großbritannien arbeitet und noch nicht bei National Ugly Mugs angemeldet ist, sollte das heute noch machen. Es ist kostenlos und vertraulich, und es ist das, was einem zentralen System für gefährliche Klienten in Großbritannien am nächsten kommt.
National Ugly Mugs (NUM) ist eine gemeinnützige Organisation. Über sie können Sexarbeiter:innen im ganzen Vereinigten Königreich gefährliche Klienten melden und bekommen sofort Warnungen über Personen, die mit Gewalt oder Schäden zu tun hatten. Das Ausmaß ist groß: Jedes Jahr gehen knapp eine Million Sicherheitswarnungen an angemeldete Mitglieder raus. Meldet jemand in Manchester einen gefährlichen Klienten, bekommen Anbieterinnen in London, Birmingham und Leeds die Warnung. Das funktioniert nur, weil Anbieterinnen ihr Wissen teilen. Und es schützt alle, die mitmachen.
Die Anmeldung läuft online, man kann seinen Arbeitsnamen nutzen, und die eigenen Daten gehen ohne ausdrückliche Zustimmung nicht an die Polizei. Danach kann man den Nummern- und E-Mail-Checker nutzen und Telefonnummer oder E-Mail eines Klienten vor der Zusage mit der NUM-Datenbank abgleichen. Das dauert dreißig Sekunden und zeigt, ob die Person, die gerade schreibt, schon von anderen Anbieterinnen gemeldet wurde.
NUM erreicht man unter admin@uglymugs.org oder 0161 629 9861, Montag bis Freitag, 9 bis 17 Uhr. Wenn einem etwas passiert, kann man es bei NUM melden und selbst entscheiden, ob die Infos an die Polizei gehen sollen. Die Entscheidung liegt ganz bei einem selbst.

ClientEye: Die App-Version
ClientEye ist eine App von Sexarbeiter:innen für Sexarbeiter:innen, gedacht als Ergänzung zu NUM. Man kann dort Warnungen über gefährliche Klienten und Zeitverschwender teilen und abrufen. Besonders praktisch ist sie, um eine Telefonnummer schnell zu prüfen, bevor man auf eine neue Anfrage antwortet. Am besten zusammen mit NUM nutzen, nicht statt NUM. Die Datenbanken sind unterschiedlich, und mit beiden deckt man mehr ab.
Klienten-Screening im britischen Kontext
Großbritannien hat nichts Vergleichbares zu P411. Es gibt keine zentrale Datenbank mit geprüften Klienten, die so bekannt ist wie in den USA. Stattdessen gibt es eine Mischung aus NUM- und ClientEye-Checks, Screening am Telefon und Austausch in der Community.
Die Grundregeln gelten überall: Vor jeder Zusage einen echten Namen und eine echte Telefonnummer einholen, keine VoIP-Nummer. Studien zeigen immer wieder, dass Gewalt deutlich seltener wird, wenn Sexarbeiter:innen Klienten vorher prüfen und mit ihnen reden können. Das hat britische Forschung so gezeigt, und deshalb lohnt sich jede Minute, die man ins Screening steckt.
Vor einem ersten Treffen immer mit dem neuen Klienten telefonieren. In einem Gespräch erfährt man mehr über jemanden als aus SMS oder E-Mails. Wie jemand redet, ob er respektvoll ist, ob seine Angaben zusammenpassen, das merkt man am Telefon viel besser als in Nachrichten. Das sollte bei allen Standard sein, die man noch nicht persönlich kennt.
Die Nummer durch NUM und ClientEye laufen lassen. Wenn jemand gar keine Spuren im Netz hat, sollte man stutzig werden. Die meisten echten Menschen hinterlassen irgendeine digitale Spur. Wenn die Geschichte nicht zusammenpasst oder jemand bei einfachen Fragen ausweicht, sollte man auf sein Gefühl hören.
Das Check-in-System
Es sollte immer jemanden geben, der den eigenen Terminplan kennt. Das muss nicht kompliziert sein, aber verlässlich: eine Vertrauensperson, die weiß, wen man trifft (Name oder Referenz), wo, wann und bis wann man sich meldet.
Vor und nach jedem Termin einchecken. Meldet man sich nicht innerhalb eines vereinbarten Zeitfensters nach dem geplanten Ende, weiß die Kontaktperson, dass sie handeln muss. Was genau sie dann tut, anrufen, die angegebene Nummer kontaktieren, NUM informieren oder etwas anderes, sollte man vorher besprechen und festlegen. Das System funktioniert nur, wenn beide wissen, was passiert, wenn der Check-in ausbleibt.
Manche Anbieterinnen nutzen dafür einen Gruppenchat mit anderen Anbieterinnen aus der Gegend. Andere haben eine einzelne Vertrauensperson. Die Form ist egal. Wichtig ist, dass man es jedes Mal macht.

Incall-Sicherheit: Der eigene Raum, die eigene Kontrolle
Incall, also Arbeit in einem Raum, den man selbst kontrolliert, ist deutlich sicherer als Outcall. Man kennt die Ausgänge. Man kennt die Wohnung. Man kann deeskalieren oder den Raum zu den eigenen Bedingungen verlassen. Man ist nicht darauf angewiesen, dass ein Klient einen gehen lässt.
Ein paar wichtige Punkte für einen Incall-Raum:
Ausgänge kennen. Nicht nur die Haustür. Wenn die Wohnung einen Hinterausgang oder ein Treppenhaus hat, sollte man wissen, wohin es führt und ob man schnell hinkommt. Klingt übertrieben, bis man es braucht.
Wertsachen aus dem Arbeitsbereich fernhalten. Handys, Laptops, Dokumente mit echtem Namen oder Adresse, alles, was die Arbeitsidentität mit dem Privatleben verbindet, sollte in dem Raum, in dem man Klienten empfängt, weder zu sehen noch erreichbar sein.
Nicht allein in einem Raum mit einer anderen Anbieterin arbeiten. Das ist die britische Rechtslage: Zwei Anbieterinnen in denselben Räumen gelten nach englischem Recht als Bordell, und das ist eine Straftat. Das Gesetz wird viel kritisiert, weil es Anbieterinnen in unsicherere Einzelarbeit drängt, aber so steht es 2026 im Gesetz. Wer mit einer anderen Anbieterin ein Sicherheitssystem aufbauen will, sollte das über Check-ins aus der Ferne machen und nicht über gemeinsame Arbeitsräume.
Outcall-Sicherheit: Was sich verändert, wenn man den eigenen Raum verlässt
Outcall hat andere Risiken als Incall. Man ist in einer Umgebung, die man nicht kontrolliert, und kann in einer schwierigen Lage weniger tun. Das heißt nicht, dass Outcall grundsätzlich unsicher ist, die meisten Outcalls laufen ohne Probleme. Aber Vorbereitung wird noch wichtiger.
Die Check-in-Person braucht bei jedem Outcall die vollständige Adresse. Nicht „ein Hotel in der Innenstadt“, sondern genaue Adresse und Zimmernummer. Wenn etwas schiefgeht, müssen die Infos so konkret sein, dass man damit handeln kann.
Für Outcalls in Hotels hat das Projekt Beyond the Gaze eigene Tipps zum sicheren Arbeiten in Hotels: wie man ein Hotel einschätzt, wie man mit der Rezeption umgeht und wie man sauber rauskommt, wenn sich etwas falsch anfühlt. Wer das noch nicht gelesen hat, sollte es vor dem ersten Hotel-Outcall tun.
Bei Privatadressen, also der Wohnung des Klienten oder einer gemieteten Unterkunft, sollte man noch gründlicher prüfen. Vorher checken, ob die Adresse echt ist. Ein kurzer Blick, ob es die Adresse gibt und ob sie zur Beschreibung des Klienten passt, dauert zwei Minuten und gehört zur Grundvorbereitung.
Online-Sicherheit und Schutz der Identität
Arbeitsidentität und Privatleben müssen wirklich getrennt sein. Nicht so ungefähr, sondern wirklich. Anderer Name, andere Telefonnummer, andere E-Mail, andere Social-Media-Konten, ohne Verbindung zueinander.
Die meisten Erwachsenenseiten entfernen EXIF-Daten automatisch aus Fotos, aber das sollte man bei jeder Plattform prüfen. In EXIF-Daten können die GPS-Koordinaten stehen, wo ein Foto gemacht wurde, also die eigene Wohnung, das Viertel, die Adresse.
Arbeitsfotos vor dem Hochladen mit dem privaten Social-Media-Auftritt abgleichen. Ab und zu die eigenen Fotos per Rückwärtssuche prüfen und schauen, was auftaucht. Wenn Arbeitsfotos irgendwo erscheinen, wo man sie nicht hochgeladen hat, muss man das wissen.
Ein eigenes Arbeitstelefon nutzen, ein günstiges zweites Gerät oder eine zweite SIM. Klienten nie die private Nummer geben. Wenn man mit einem Klienten nicht mehr arbeiten will, muss man den Kontakt sauber kappen können.
Wenn etwas schiefläuft: Was zu tun ist
Wer Opfer eines Verbrechens wird, Überfall, Raub, Vergewaltigung oder etwas anderes, hat Möglichkeiten und muss damit nicht allein klarkommen.
In einem akuten Notfall den Notruf 999 wählen. Sagen, was gebraucht wird, Polizei, Krankenwagen oder Feuerwehr, und den Standort nennen. Wenn man nicht sicher sprechen kann, in der Leitung bleiben. Die Leitstelle kann den Standort trotzdem orten.
Wenn keine akute Gefahr besteht und man den Vorfall melden will, geht das über NUM. Man kann dabei wählen, ob die Infos an die Polizei gehen. Die Meldung geht auch unter dem Arbeitsnamen. Sie landet trotzdem im System und kann andere Anbieterinnen warnen, auch wenn man die Polizei nicht direkt einschalten will.
Die Metropolitan Police und die Greater Manchester Police haben eigene Sicherheitsrichtlinien für Sexarbeiter:innen und feste Ansprechpartner. Mehrere britische Polizeibehörden haben zugesagt, mit NUM zusammenzuarbeiten. Meldungen, die über NUM an die Polizei gehen, können also bearbeitet werden, ohne dass man gleich auf eine Wache muss oder eine offizielle Aussage macht.
Rape Crisis England and Wales (0808 802 9999, 24 Stunden) hilft kostenlos und vertraulich allen, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Egal, wann es passiert ist und ob es der Polizei gemeldet wurde.
Community: Die Sicherheitsressource, die nichts kostet
Andere Anbieterinnen aus der eigenen Gegend wissen Dinge, die in keinem Leitfaden stehen: welche Klienten Probleme machen, wie die Polizei gerade drauf ist, welche Hotels schwierig geworden sind, wo gerade eine neue gefährliche Person unterwegs ist. Diese Infos laufen in den Netzwerken der Anbieterinnen, und dazuzugehören ist eine der besten Investitionen in die eigene Sicherheit.
SWARM (Sex Worker Advocacy and Resistance Movement) und das English Collective of Prostitutes haben Kontakte in britischen Städten. In den meisten größeren Städten gibt es lokale Gruppen von Anbieterinnen auf Signal, WhatsApp oder in geschlossenen Foren. Über SWARM oder NUM erfährt man, wie man die passenden Gruppen für die eigene Gegend findet.
Persönliche Infos muss man dafür nicht teilen. Arbeitsname und ungefähre Region reichen. Was man dafür bekommt, aktuelle Sicherheitsinfos von Leuten, die genau den eigenen Markt kennen, ist wirklich wertvoll.
Wichtige Kontakte auf einen Blick
National Ugly Mugs – nationaluglymugs.org / admin@uglymugs.org / 0161 629 9861. Kostenlos anmelden, Nummern prüfen, Vorfälle melden.
ClientEye – App, um Nummern und E-Mails von Klienten mit Warnungen aus der Community abzugleichen.
English Collective of Prostitutes – prostitutescollective.net. Infos zu den eigenen Rechten, rechtliche Hilfe, Interessenvertretung.
SWARM – swarmcollective.org. Rechte von Sexarbeiter:innen, Sicherheit und Kontakte zur Community im ganzen Vereinigten Königreich.
Rape Crisis England and Wales – 0808 802 9999, 24 Stunden, kostenlos und vertraulich.
Beyond the Gaze – beyond-the-gaze.com. Praktische Sicherheitsleitfäden speziell für Sexarbeiter:innen, die drinnen und online arbeiten.
Notruf – 999. Polizei, Krankenwagen oder Feuerwehr. Wenn man nicht sprechen kann, in der Leitung bleiben.

James Whitaker